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Was die Politik vom Fußball lernen kann … Juli 20, 2010

Posted by Huge in Launiges, Politik.
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Es gibt tatsächlich Sportphilosophen, wie man hört. Nicht Otto Rehhagel, George Best, Bill Shankly oder Franz Beckenbauer, nicht einmal Lukas Podolski, dessen Satz „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“ Jahrhunderte menschlichen Denkens ad absurdum geführt hat. Sondern so richtig mit Bart und grünem Tee auf der Tribüne, so wie Gunter Gebauer. Von dem Professor der FU Berlin war kürzlich die These zu lesen, die deutsche Politik könne von der Nationalmannschaft lernen. Ein Gedanke, der durchaus überlegenswert ist.

Es ist also der erste Sitzungstag nach der Sommerpause in Berlin. Unter den Klängen der Nationalhymne schreiten die Fraktionen (präsentiert von der Pharmalobby) in den Plenarsaal ein. Im Anschluss singt jede Fraktion ihre Hymne, nur von der FDP hört man lediglich ein mantraartiges „Ich glaube an die Selbstregulierungskräfte des Marktes und an ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem“. Angela Merkel bildet mit ihrem Kabinett einen Kreis, Rainer Brüderle stößt ein paar Laute in seiner (eigenen) Sprache aus. Alle außer Wolfgang Schäuble springen hochmotiviert in die Luft. Bundestagspräsident Norbert Lammert pfeift die Sitzung an.

Die Regierungserklärung von Angela Merkel lässt die Emotionen hochkochen. Sogar die Ultras vom katholisch-konservativen Flügel der CDU haben sich statt der schwarz-blauen Trikots schwarze Kapuzenpullis angezogen, sind auf ihre Stühle gesprungen und skandieren „Merkel raus“. Einer bricht sich dabei das Bein. Frank-Walter Steinmeier holt bei der Rede von Guido Westerwelle via Zwischenfrage die Blutgrätsche raus, welche er schon in seiner Zeit beim TuS Brakelsiek perfektionierte. Ein junger Grünen-Abgeordneter feiert seine erste Bundestags-Rede mit einem Salto. Als Martin Lindner (FDP) von Präsident Lammert die Rote Karte wegen Beleidigung an Gregor Gysi sieht, stürmen mehrere Abgeordnete nach vorne und beschweren sich minutenlang.

Auch hat sich eine völlig neue Art der politischen Streit- und Fankultur herausgebildet. Da im Gegensatz zu anderen Parlamenten die Auseinandersetzung in der Arena aufs Verbale beschränkt bleibt, ertönen von den Rängen regelmäßig „Wir wollen euch kämpfen sehen“-Gesänge. Die Fraktionen selbst bekriegen sich nicht mehr nur vom Rednerpult aus, sondern auch mit den üblichen Schmähgesängen, mal kreativ („Ihr seid Linke, asoziale Linke, ihr schlaft unter Brücken …“), mal primitiv („Scheiß CDU, wir singen Scheiß CDU“). Dann pfeift Norbert Lammert ab und alle tauschen die Anzüge.

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Verloren im Sieg … Juni 30, 2010

Posted by Huge in Politik.
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Am Ende hat es dann doch noch geklappt. Gegen 21.20 Uhr konnte Christian Wulff die Wahl endlich annehmen, sieben Stunden später als geplant. Drei Wahlgänge brauchte Wulff, um sich in der Bundesversammlung gegen Joachim Gauck, den Kandidaten von SPD und Grünen durchzusetzen.
Was Christian Wulff zum Bundespräsidenten qualifiziert? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau. Joachim Gauck hingegen konnte in der Bevölkerung auf breite Zustimmung zählen, hat mit seiner eigenen Geschichte und den Verdiensten um die Aufarbeitung der deutschen Geschichte gezeigt, dass er zumindest ein glaubwürdiger, weiser Mann für das höchste deutsche Staatsamt ist. Wulff wird vielleicht kein schlechter Bundespräsident, Gauck aber wäre wahrscheinlich ein guter.
Verglichen mit den sehr eingeschränkten Befugnissen des Bundespräsidents hat die Wahl ungewöhnlich hohe Wellen geschlagen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass an dieser Wahl mehr hing. Der angepeilte Neustart der schwarz-gelben Koalition ist mit Karacho danebengegangen, im Gegenteil: die „Niederlagen“ in den ersten beiden Wahlgängen sind eher eine schallende Ohrfeige für die katastrophale Politik der Regierung, die man quer durch die Republik gehört hat. Aus den eigenen Reihen wohlgemerkt. Und es soll mir jetzt niemand erzählen, dass diese Wahl kein Moment der Tagespolitik sei, denn das Gegenteil haben CDU und FDP vor diesem Tag bewiesen.
Was nun wirklich zur Nominierung und Wahl von Wulff geführt hat, wird wohl offen bleiben. Vielfach wird spekuliert, dass er vor allem eine machtpolitische Variante von Angela Merkel war, um einen ambitionierte Konkurrenten auszuschalten. Bei Edmund Stoiber, Friedrich Merz und Roland Koch hat das schon ganz gut geklappt und tatsächlich bleibt, nachdem Wulff in Bellevue geparkt ist, bis auf evtl. Ursula von der Leyen niemand, der aus heutiger Sicht für die CDU-Kanzlerkandidatur in Frage käme.
Sicher aber ist, dass Merkel und Mitstreiter die Chance verpasst haben, einen Kandidaten ins Rennen zu schicken, der tatsächlich der Präsident aller Deutschen sein kann. Gauck wäre ein solcher Kandidat gewesen, die Möglichkeit war da, wie uns zwei veröffentlichte SMS beweisen. Diese Möglichkeit hat Merkel nicht genutzt, offenbar völlig bewusst. Ich glaube nicht, dass dies das richtige Signal gegenüber der Bevölkerung war.
Das berühmte Zünglein an der Waage spielten – mit sichtbarem Genuss – die Linken. Leider leider leider hat die Partei es wieder einmal nicht geschafft, über ihren Schatten hinein in die politische Ernsthaftigkeit zu springen – im Gegenteil, sie hat heute eine geradezu historische Gelegenheit verpasst. Hätte die Linke im dritten Wahlgang (oder besser noch: gleich am Anfang) den Kandidaten Gauck unterstützt, wäre das ein deutliches Signal gewesen, das die politische Landschaft für die Zukunft hätte deutlich prägen können. Nicht nur für die anstehende, brisante Zusammenarbeit in Nordrhein-Westfalen, sondern auch für alle anderen Koalitionsspekulationen und -verhandlungen, die zwischen Linken und SPD bzw. Grünen mit Sicherheit noch stattfinden werden. Der Prozess der Annäherung ist im Gange, das Aufeinandertreffen wird unweigerlich folgen, es hätte aber um einiges beschleunigt werden können.
Was bleibt von der Bundespräsidentenwahl? Wahrscheinlich nicht viel. Wulff wird am Freitag vereidigt werden und in Bellevue einziehen. Der ungewöhnliche Wahlhergang wird bald nur noch eine Notiz in Jahresrückblicken und Geschichtsbüchern. Die meisten Kommentatoren, die ich bisher gehört oder gelesen habe, sind der Meinung, dass auch die Parteien eher lernresistent sein werden. So oder so: es war ein langer, spannender und spektakulärer Politiktag.

Was soll das? … Mai 31, 2010

Posted by Huge in Politik.
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Si tacuisses philosophus mansisses.

Wenn man einem Außerirdischen erklären sollte, was eine Sensation ist, man sollte es anhand der Nachricht von Horst Köhlers Rücktritt tun. Unerwarteter als der Rücktritt des Bundespräsidenten kann ein Ereignis nicht sein. Dementsprechend wirft es viele Fragen auf. Der Rücktritt von Köhler – mit Tränen in den Augen und gebrochener Stimme, wie überall geschrieben wird, ich konnte von beidem nicht viel sehen – wirkt nämlich auf den ersten Blick wie eine Kurzschlussreaktion. Auf den zweiten wirkt er wie ein beleidigtes Überreagieren, das man von einem Bundespräsidenten nicht erwartet hätte und von Horst Köhler schon gar nicht.

Vor einigen Tagen hatte Köhler mit missverständlichen Äußerungen, in denen er einen Zusammenhang zwischen deutschen Militäreinsätzen im Ausland und nationalen Wirtschaftsinteressen herstellte, für Aufsehen gesorgt. Zeitweise wurde ihm unterstellt, Militäreinsätze, die vom Grundgesetz nicht abgesegnet werden, zu verteidigen. Der offizielle Rücktrittsgrund sind aber nicht diese Sätze. Es ist die Kritik, die Köhler in den letzten Tagen von allen Seiten einstecken musste und die ihn anscheinend derart getroffen hat, dass er nun das höchste Staatsamt in Deutschland aufgibt.

Das ist schwer zu verstehen. Wäre er wegen der Äußerungen zurückgetreten, die er mittlerweile selbst bedauert, so hätte das einen Eindruck von charakterlicher Stärke vermittelt, wie man sie von Horst Köhler in seiner ersten Amtszeit gewohnt war. Nichtsdestotrotz wäre es eine überzogene Reaktion gewesen. Jetzt aber aufgrund der Kritik aus Medien und Parteien zurückzutreten, wirkt alles andere als weise. Dieser Rücktritt sieht eher nach „beleidigte Leberwurst“ aus – der Bundespräsident hat gesprochen und niemand möge ihm widersprechen, sonst macht er nicht mehr mit.

Es lässt sich jetzt schon absehen, dass die Reaktionen auf die Entscheidung Köhlers höchst unterschiedlich ausfallen werden. Die einen werden (wieder einmal) den bösen Medien alle Schuld geben. Ob Schlagzeilen wie „Horst Lübke“ bei SPON ihre sachliche und moralische Berechtigung haben, darüber lässt sich in der Tat trefflich streiten. Aber jemand, der so in der Öffentlichkeit steht und sich auf die Fahnen geschrieben hat, kein simpler Grüßaugust für Staatsempfänge zu sein, muss damit klarkommen. Den mangelnden „Respekt vor dem Amt“ hat Köhler beklagt. Wieviel Respekt vor dem Amt zeigt es eigentlich, wegen solch einer Lappalie hinzuschmeißen?

Worte vom Wahltag (NRW) … Mai 9, 2010

Posted by Huge in Politik.
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„Ich bin unpolitisch“ (Frau bei der CDU, die der ARD-Reporter zum Wahlausgang befragen wollte)
„Wir sind keine radikale Partei wie die FDP“ (Cem Özdemir, Grüne)
„NRW darf nicht mit radikalen Parteien regiert werden“ (Jürgen Rüttgers, CDU, interessant vor dem Hintergrund des Zitats oben)
„Und ich freue mich so richtig, dass Schwarz-Gelb abgewählt wurde“ (Bärbel Höhn, Grüne, die dabei aussah wie ein Kind zu Heiligabend)
„Im Internet ist es genauso wie in der Realität“ (Sonja Schönemann, ZDF – als wäre das Internet keine Realität)
„Ich kann der eigenen Partei nur raten, dieses Ergebnis nicht schönzureden“ (Wolfgang Bosbach, CDU)
„Der Krimi im Ersten heute etwas früher“ (Jörg Schönenborn, ARD)
„Ich frag mich gerade, warum Sie nicht in Schutt und Asche gekommen sind“ (Steffi Lemke, Grüne, zu Gröhe und Lindner)
„Höre gerade, dass Jürgen Rüttgers im Spätsommer 78 angeblich einen eigenen Fehler eingestanden haben soll“ (Sascha Lobo auf Twitter)
„Viele sind nicht zur Wahl gegangen, weil sie das Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft nicht mehr erkennen können“ (der allgegenwärtige Prof. Korte)
„Sie merken an meinem Atmen: wir sind stolz“ (Spitzenkandidatin der Linken)
„Die Leute sind unzufrieden damit, dass sich nichts ändert“ (Roger Köppel)
„Die FDP ist wenigstens konsequent: sie sagt, sie macht eine einseitige Klientelpolitik und steht dazu“ (Klaus Wowereit, SPD)

Das Afghanistan-Dilemma … April 28, 2010

Posted by Huge in Politik.
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Als die Bilder der vier Särge unter der Deutschland-Flagge durch das Land gingen und die beklommene Stimmung durch die Bildschirme drang, da flüsterten die Stimmen im Kopf plötzlich eine Zeile von Brecht: „Wohl dem Land / das keine Helden hat.“ Gewiss, sie starben als Helden, diese vier Soldaten aus Afghanistan; den Eid, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, haben sie bis zum Ende gehalten. Doch was brachte es ihnen und was bringt es Deutschland?
Der Einsatz in Afghanistan hat sich längst als Fass ohne Boden entpuppt. Verführt Angeführt vom Panikrhetoriker Bush hat man sich in einen Konflikt gestürzt, dessen Reichweite damals gar nicht abzusehen war. Es werden nicht die letzten Trauerreden gewesen sein, die Verteidigungsminister und Bundeskanzlerin halten werden. Die Frage nach dem Sinn des Engagements am Hindukusch wird indes immer lauter gestellt. Warum bittet Guttenberg einerseits so pathetisch um Verzeihung, verstrickt sich dann aber in einer peinlichen Sprachregelungsdebatte? Es ist Krieg, wenn Soldaten gewaltsam sterben. Dass man diesen Zustand aber nicht beim Namen nennen darf, ist die Feigheit der Politiker, die vor der vielbeschworenen Tapferkeit der gefallenen Soldaten immer deutlicher heraustritt.
Deutschland (ich sage nicht die Bundeskanzlerin, der Verteidigungsminister oder die Regierung, ich sage Deutschland) steckt in einem Dilemma, dass ohne Schaden nicht mehr aufzulösen ist. Fast zwei Drittel der Bevölkerung befürworten mittlerweile den Abzug der Truppen, aber wäre dann nicht die ganze Mühe und insbesondere der Tod dieser Soldaten umsonst gewesen? Und ist es tatsächlich verantwortbar, ein solch labiles System sich selbst zu überlassen? Eigentlich wäre mir – zumal als erklärtem Pazifisten – der sofortige Abzug lieb, doch die rationalen Argumente sprechen leider dagegen, fürchte ich. Es wird auch weiter ein schwerer Weg in Afghanistan.

ZDF 2.0 … April 19, 2010

Posted by Huge in Fernsehen, Politik.
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Von wegen Rentnersender: das ZDF geht in die Internet-Offensive und entdeckt dabei ganz neue Möglichkeiten.
Es war ein Moment für die Götter. Da stand der eingefleischte Fernsehmann Steffen Seibert (ist er tatsächlich schon 49?) vor einem Bildschirm, auf dem gerade Twitter-Feeds einliefen und stieß begeistert hervor: „Das Internet ist so toll.“ Wohlgemerkt: hier schwärmte jemand von einem Medium, das nach Meinung einiger Experten dazu angetan ist, langfristig seinen Arbeitsplatz zu gefährden.
Log in heißt das neue Format, mit dem das ZDF die junge Generation begeistern will – naturgemäß nicht nur für Politik, sondern auch ein bisschen für das Zweite. Die Sendung, präsentiert vom heute-journal-Duo Steffen Seibert und Dunya Hayali, ist Teil der Online-Kampagne des Senders, die unter dem Motto „Erst fragen, dann wählen“ stand und auch von VZ-Netzwerken unterstützt und promotet wurde. Zur NRW-Wahl stellten sich Spitzenpolitiker der Parteien nicht nur den Fragen der Moderatoren, sondern vor allem auch denen der Zuschauer.
Denn die Innovativität und der Reiz dieses Formats liegen besonders in einem: der Interaktivität. Über facebook, Twitter und Chat konnten die User die Äußerungen der Kandidaten sofort kommentieren. Wurde eine Aussage besonders heftig kritisiert oder war sie zu allgemein, hallte sofort ein Zonk durch das Studio: nachfragen. Zudem wurden immer wieder Fragen von Usern direkt gestellt und junge Gäste im Studio bekamen die Möglichkeit, die Gäste mit ihren Problemen zu konfrontieren. Technisch ging das ZDF volles Programm: Grafikelemente, Videos und manche Fragen mussten sogar vorgelesen werden! ;) Und dann natürlich dieses Internet, von dem jetzt alle reden. Ausflüge ins Netz können für klassische Medien und Politiker (unvergessen Brigitte Zypries: „Was ist nochmal ein Browser?“) rasch zur Blamage werden – dieser Gefahr entging das ZDF mühelos.
Hier nutzen die Mainzer nicht nur die Möglichkeiten der neuen Zeit, sie sprechen nicht nur die Sprache der jungen Generation, sie entdecken sogar eine uralte Mission ganz neu: den Auftrag zur politischen Willens- und Meinungsbildung, den zu erfüllen die öffentlich-rechtlichen Sender einst angetreten sind. Ich habe selten, ehrlich gesagt nie, eine Sendung gesehen, die diesem Anspruch besser gerecht geworden ist, auch wenn Log in in erster Linie auf jugendliche Wähler abzielt und für andere Altersgruppen evtl. weniger relevant wäre. Zu Gast waren im „Netzmarathon“ die Spitzenkandidaten Andreas Pinkwart (FDP), Sylvia Löhrmann (Grüne) und Bärbel Beuermann (Linke), SPD-Kandidatin Hannelore Kraft war schon am Freitag da. Ministerpräsident Rüttgers (CDU) schickte seinen Generalsekretär Krautscheid vorbei und musste dafür Kritik einstecken. Auch wenn es politisch nicht viel Neues gab – alle sahen die Probleme, aber weder wollten sie schuld sein noch wussten sie, was zu tun ist – trägt diese Sendung durch ihren interaktiven Charakter zu einem interessierterem Umgang von jungen Menschen mit Politik bei und vermittelt Kompetenz.
Ausgereift ist das Konzept noch nicht, u.a. ist die Sendung deutlich zu lang. Niemand dürfte am Sonntag die knapp vier Stunden am Stück mit vier Kandidaten durchgehalten haben. Das ist ein Ansatzpunkt für Verbesserungen, aber kein Grund, ein so hoffnungsvolles Format auf dem Digitalsender ZDFinfo sowie in den Livestreams von ZDFonline und der VZ-Netzwerke zu verstecken. Vielleicht sehen wir Log in bei der nächsten großen Wahl an prominenterer Stelle. Es wäre zu hoffen.

Man spricht wieder Deutsch … Februar 20, 2010

Posted by Huge in Politik.
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Man hat nicht viel erwarten können von dieser schwarz-gelben Koalition, aber dass man so wenig bekommen würde, überrascht dann doch. Auch Peter Ramsauer von der CSU war noch nie ein Vorzeigepolitiker und bekam dementsprechend ein kleines Ministerium – doch er war der einzige, der im Kabinett positiv hervorstach.

Ich muss zugeben: der Mann wird mir immer sympathischer, und das will schon etwas heißen. Sein Ministerium wird nicht nur, wie die Süddeutsche Zeitung Anfang Oktober mal ausführlich darlegte, erheblich unterschätzt; er kann auch hervorragend Klavier spielen. Für den Chaosklub Deutsche Bahn findet Ramsauer ebenso deutliche Worte wie für Streusalzprobleme. Jetzt startet Ramsauer die sprachliche Gegenrevolution: er will, dass in Ministerium und Bahnhöfen wieder Deutsch gesprochen wird und erntet dafür zu Recht viel Lob.

Denn die Sprache in Regierungsbüros und Bahnzentralen ist im letzten Jahrzehnt von englischen Begriffen überschwemmt worden. Viele davon sind so affig, dass man sie im Alltag nie benutzen würde: Kick-off-Meeting, Kiss&Ride, Public Private Partnership. Einige Begriffe haben sich nun einmal eingebürgert, aber was Deutsch sein kann, das sollte nicht Englisch sein.

Weltuntergänge im Wochentakt … Januar 9, 2010

Posted by Huge in Blätterwald, Politik.
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Vor einigen Wochen schien das Ende der Welt kurz bevor zu stehen. Wie ein böser Geist huschte das Wort „Schweinegrippe“ durch jedes Gespräch und die größte Pandemie der Moderne drohte jeden Moment hereinzubrechen. Das vorläufige Ende der Geschichte ist bekannt: die für den Spätherbst und Winter angekündigte Infektionswelle blieb aus, auch wenn sich kaum einer impfen lassen wollte. Bewusst ist dieses Ende indes kaum jemanden, denn die Panikmache im Vorfeld ist hinterher kaum kritisch reflektiert worden, schon gar nicht in den klassischen Medien.

Aber dazu blieb ja auch kaum Zeit, denn schon zeichneten sich die nächsten Weltuntergangsszenarien am dunklen Horizont ab. Kopenhagen, die Fortsetzung vom Ende der Welt. Nacktscanner, das nächste Ende der bürgerlichen Freiheit. Und dann Daisy. Daisy ist ein Wettertief, wie es im Winter eben mal vorkommt, nur ein bisschen tiefer. Dass den Kommunen anscheinend das Streusalz und den Supermärkten die Schneeschaufeln ausgingen, ist schade, aber nicht weiter schlimm. Dass aber eine derart seriöse Quelle wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Hamsterkäufe wie im Kriegsfall empfiehlt, das ist eine unverantwortliche Dramatisierung der Situation.

Peinlich wird es dann, wenn – wie es heute Mittag aussieht – alles „glatt“ (höhö) mehr oder weniger glimpflich abläuft und das herbeigeredete Chaos ausbleibt. Der Durchschnittsmensch ist vergesslich, aber Medien und Regierung sollten sich gut überlegen, wie sie ihre Glaubwürdigkeit bis zu einem wirklichen Katastrophenfall erhalten wollen.

Die Enttäuschung von Kopenhagen … Dezember 21, 2009

Posted by Huge in Politik.
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Die Menschen haben erkannt, dass die Erde ihre Wunder zurücknimmt. Aber sie haben vergessen, dass sie selbst eines dieser Wunder sind. Gedanken zur Klimakonferenz in Kopenhagen.

Am Ende blieb Enttäuschung. Die Konferenz, die die Welt retten sollte, wurde zur Katastrophe und aus „Hopenhagen“ wurde „Floppenhagen“. Der Formelkompromiss, auf den sich die teilnehmenden Staaten am Wochenende noch nicht einmal geeinigt, sondern der „zur Kenntnis genommen“ wurde, sagt letztlich genau eins aus – dass er nichts aussagt. Eine Ansammlung von schwammigen Absichtserklärungen wird die Erderwärmung nicht aufhalten.

Immer noch sind einigen Staaten Industrie und wirtschaftlicher Erfolg um jeden Preis die höchste Priorität. Vor allem China wittert seine Chance, endlich das Machtpotential, das dem Reich der Mitte schon lange zugeschrieben wird, auszuspielen. Dabei vergessen sie, dass vor dem Klima Industriestaat und Entwicklungsland gleich sind. Es sind alle Menschen.

Selbst wenn wir die Klimadimension, die uns alle betrifft, beiseite lassen: auch politisch ist diese Konferenz zum Fiasko für zwei der mächtigsten Staatsleute der Welt geworden. Barack Obama ist grandios gescheitert mit seinen vollmundigen Ankündigungen. Und auch die „Klima-Kanzlerin“ Angela Merkel (laut Bild-Zeitung als Physikerin die einzige Politikerin auf der Konferenz, die sich mit Formeln auskennt) wird sich nun ein anderes Aushängeschild ihrer Politik suchen müssen. Expeditionen ins Eis reichen nicht mehr, wenn Taten gefordert sind.

Greenpeace ruft jetzt zu „zivilem Ungehorsam“ auf. Es ist eine sehr löbliche Absicht, wenn der Einzelne mit seinen begrenzten Möglichkeiten beim Klimaschutz anfangen will. Doch kann er wirklich etwas tun? Fahrrad statt Auto ist im Vergleich zu den riesigen Industrie-Emissionen der berühmte Tropfen auf den heißen Stein und dient höchstens zur Befriedigung moralischen Unbehagens.

So hat denn dieser nahezu Klimagipfel der Umwelt mehr geschadet als genützt: denn der CO2-Ausstoß durch das Einfliegen all der Politiker aus aller Welt lässt die mageren Ergebnisse in einer dunklen Staubwolke verschwinden.

Der verschenkte Preis … Oktober 9, 2009

Posted by Huge in Politik.
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Für Naturwissenschaftler ist der alljährlich vergebene Nobelpreis in ihrer Disziplin die einzige Gelegenheit, doch für einige Tage im Licht der Öffentlichkeit zu stehen und die Aufmerksamkeit zu bekommen, die sie für ihre Grundlagenarbeit verdienen. Vieles in unserer modernen Welt wäre ohne diese stummen, fleißigen Helden so nicht möglich. Im Mittelpunkt stehen aber die Entscheidungen der Stockholmer/Osloer Akademie für den Literatur- und Friedensnobelpreis. Und gerade hier taten die Verantwortlichen alles, um nicht mehr ernst genommen zu werden.

Gestern ging der Nobelpreis für Literatur an Herta Müller. Nun ist Herta Müller bestimmt eine tolle Schriftstellerin, auch wenn bisher niemand ihren Namen kannte. Sie ist Deutsche, das lässt die Kommentatoren hierzulande freudig aufjohlen und kaum weitere Nachfragen stellen. Denn es wäre sehr viel fairer gewesen, den Preis einem jener Autoren zuzuerkennen, der schon seit Jahren und Jahrzehnten große Romane schreibt, dafür auch durchaus bekannt ist und schon lange auf den Nobelpreis wartet. Thomas Pynchon und Phillip Roth aus den USA zum Beispiel.

Heute vormittag dann aber die eigentliche Lachnummer. Der Friedensnobelpreis 2009 wird an POTUS Barack Obama verliehen, darüber kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Eigentlich dachte man, der Obama-Hype sei endlich auf ein erträgliches Maß heruntergefahren. In den knapp acht Monaten, die Obama im Amt ist, hat er in dieser Hinsicht noch nicht viel Nennenswertes geleistet. Lediglich eine kleine Deeskalation im Nahen Osten fällt mir da ein, in Sachen Irak-Abzug hat sich nicht viel getan und auch in Afghanistan hat sich die Lage eher dramatisiert. Vielleicht wird der Preis für die Zukunft verliehen, aber so hat sich das Alfred Nobel sicherlich nicht gedacht.