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Was die Politik vom Fußball lernen kann … Juli 20, 2010

Posted by Huge in Launiges, Politik.
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Es gibt tatsächlich Sportphilosophen, wie man hört. Nicht Otto Rehhagel, George Best, Bill Shankly oder Franz Beckenbauer, nicht einmal Lukas Podolski, dessen Satz „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“ Jahrhunderte menschlichen Denkens ad absurdum geführt hat. Sondern so richtig mit Bart und grünem Tee auf der Tribüne, so wie Gunter Gebauer. Von dem Professor der FU Berlin war kürzlich die These zu lesen, die deutsche Politik könne von der Nationalmannschaft lernen. Ein Gedanke, der durchaus überlegenswert ist.

Es ist also der erste Sitzungstag nach der Sommerpause in Berlin. Unter den Klängen der Nationalhymne schreiten die Fraktionen (präsentiert von der Pharmalobby) in den Plenarsaal ein. Im Anschluss singt jede Fraktion ihre Hymne, nur von der FDP hört man lediglich ein mantraartiges „Ich glaube an die Selbstregulierungskräfte des Marktes und an ein niedrigeres, einfacheres und gerechteres Steuersystem“. Angela Merkel bildet mit ihrem Kabinett einen Kreis, Rainer Brüderle stößt ein paar Laute in seiner (eigenen) Sprache aus. Alle außer Wolfgang Schäuble springen hochmotiviert in die Luft. Bundestagspräsident Norbert Lammert pfeift die Sitzung an.

Die Regierungserklärung von Angela Merkel lässt die Emotionen hochkochen. Sogar die Ultras vom katholisch-konservativen Flügel der CDU haben sich statt der schwarz-blauen Trikots schwarze Kapuzenpullis angezogen, sind auf ihre Stühle gesprungen und skandieren „Merkel raus“. Einer bricht sich dabei das Bein. Frank-Walter Steinmeier holt bei der Rede von Guido Westerwelle via Zwischenfrage die Blutgrätsche raus, welche er schon in seiner Zeit beim TuS Brakelsiek perfektionierte. Ein junger Grünen-Abgeordneter feiert seine erste Bundestags-Rede mit einem Salto. Als Martin Lindner (FDP) von Präsident Lammert die Rote Karte wegen Beleidigung an Gregor Gysi sieht, stürmen mehrere Abgeordnete nach vorne und beschweren sich minutenlang.

Auch hat sich eine völlig neue Art der politischen Streit- und Fankultur herausgebildet. Da im Gegensatz zu anderen Parlamenten die Auseinandersetzung in der Arena aufs Verbale beschränkt bleibt, ertönen von den Rängen regelmäßig „Wir wollen euch kämpfen sehen“-Gesänge. Die Fraktionen selbst bekriegen sich nicht mehr nur vom Rednerpult aus, sondern auch mit den üblichen Schmähgesängen, mal kreativ („Ihr seid Linke, asoziale Linke, ihr schlaft unter Brücken …“), mal primitiv („Scheiß CDU, wir singen Scheiß CDU“). Dann pfeift Norbert Lammert ab und alle tauschen die Anzüge.

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