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Zum Tod von Robert Enke: Wie geht es weiter? … November 18, 2009

Posted by Huge in Fußball.
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Tragisch verstorbene Fußballer hat es schon einige gegeben: Lutz Eigendorf, für dessen Autounfall wohl die Stasi verantwortlich war oder Marc-Vivién Foé (2005) und der Spanier Puerta (2007), die beide auf dem Platz zusammenbrachen. Einen solch bestürzenden Fall wie Robert Enke aber hat es meines Wissens zumindest in Deutschland noch nicht gegeben. Die Krankheit und der Selbstmord von Robert Enke gebieten Respekt vor einem guten Fußballer und (soweit für die Öffentlichkeit beurteilbar) großartigen Menschen. In einem solchen Fall sollte jeder anständige Mensch Abstand nehmen von Spekulationen und Warum-Fragen, die – so angebracht sie auch sein mögen – keine Antwort bekommen werden, weil sich manches eben nicht erklären lässt. Trauern in Schlichtheit und Schweigen.

Deshalb soll vieles, was über dieses tragische Ereignis und die zu Tage gekommenen Hintergründe zu sagen wäre, denen überlassen bleiben, die nun einmal darüber sprechen und schreiben müssen, weil sie von Berufs wegen einer Informationspflicht unterliegen. Groß ist die Gefahr, dann wirklich schnell ins Widerliche abzurutschen, aber man hat es beispielsweise den ZDF-Leuten Boris Büchler und Rolf Töpperwien durchaus angesehen, wie schwer ihnen die Einschätzungen fielen. So ziemlich das beste, was ich zu dem Thema übrigens gelesen habe, kam von 11Freunde-Autor Dirk Gieselmann. Ich hingegen will hier nur überlegen, wie sich die Fußballwelt nach diesem Schock weiterdrehen kann und soll.

Dass das Länderspiel am Samstag gegen Chile abgesagt wurde, war die einzig richtige Entscheidung. Es war nicht nur gegenüber Robert Enke gewissermaßen posthum die richtige Geste, auch allen anderen hat man damit einen Gefallen getan. Wer gesehen hat, wie Oliver Bierhoff auf der Pressekonferenz am Mittwoch in Tränen ausbrach, bekommt eine Vorstellung davon, dass diese Mannschaft unmöglich in der Lage ist, Fußball zu spielen. Sportlich hat das Spiel seit Dienstag Abend ohnehin jeden Wert verloren. Und auch kein Fan wird vier Tage, nachdem klar wurde wie unwichtig Fußball im Grunde ist, singen und jubeln.

Der Bundesliga-Spieltag nächste Woche soll wohl stattfinden, lediglich ein kollektiver Trauerflor plus Schweigeminute ist anberaumt. Die Bundesliga hat diese Tragödie hart getroffen, aber sie wird es verkraften. Leider wird Robert Enke und sein trauriges Ende in spätestens einem Jahr nur noch ein Ereignis in der Historie sein, einschneidend zwar, aber man wird sich daran gewöhnt haben. So ist nun mal der Welten Lauf. Denn irgendwie muss es ja weitergehen.

Genau an dieser Frage, wie es weitergehen soll, wird man in Hannover wohl verzweifeln, wenn die Trauer einigermaßen überwunden ist. Zwar stand Robert Enke in der Schießbude der Liga, seine Schuld war es allerdings nie. Das steht in jedem Nachruf, stimmt aber wirklich. Enke hat stets mit herausragenden Leistungen geglänzt, er war der Rückhalt in einem höchstens mittelmäßigen Team, so dass man sich fragte, warum dieser Keeper nicht längst bei einem großen Verein spielt. Jetzt wissen wir es. Doch Enke war für 96 immer mehr als ein toller Torwart – Enke war gleichzeitig Kapitän und Identifikationsfigur, auf und neben dem Platz.

Hannover 96 kann einem Leid tun. Neben dem sportlichen Qualitätsverlust sitzt der Schock höchstwahrscheinlich so tief, dass ein Abstieg Absturz kaum zu vermeiden sein dürfte. Das alles erscheint unendlich nebensächlich angesichts des Todes eines Menschen, dem man so etwas (immer in dem Rahmen, in dem man ihn kannte) nie zugetraut hätte. Aber auch daran muss eben irgendwann wieder gedacht werden. Eigentlich müssten die nächsten 96-Spiele allesamt verlegt werden, doch das dürfte rein terminlich nahezu unmöglich sein.

Schließlich wird die Bundesliga und das gesamte Fußballgeschäft noch einmal an etwas erinnert, das gern verdrängt wird: der riesige Druck und die Probleme mancher Menschen, damit umzugehen. Es ist erschreckend, dass Robert Enke allem Anschein nach sechs Jahre seine Krankheit vor allen verheimlichen konnte. Es ist sicher nicht der Zeitpunkt, jemandem Vorwürfe zu machen, Leistungssport erfordert ein gewisses Niveau an Nervenstärke und vieles lässt sich bestimmt auch nicht einfach festmachen. Aber gerade die Tatsache, dass Enke es offenbar für nötig hielt, nicht nur wegen seiner Tochter, sondern auch des Fußballs wegen nicht die Wahrheit zu sagen, sollte zu denken geben. Hat die Liga aus dem ähnlich gelagerten Fall Sebastian Deisler, der Gott sei Dank nicht so schrecklich endete, nicht viel gelernt? Ich werde darauf keine Antwort geben, weil ich keine weiß und mir keine zusteht. Aber vielleicht führt wenigstens der Tod von Robert Enke dazu, auch in diesem Bereich dazuzulernen.

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