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Jubelnde Sieger und verdächtige Stille … Juli 28, 2009

Posted by Huge in Sportiv.
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Die Tour macht Helden. Doch was ist im Dopingmilieu Radsport schon ein Held? Das Misstrauen fährt auf jedem Kilometer mit. Ein Analyseversuch zur Tour de France 2009.

Der Radsport ist schon lange kein sauberer Sport mehr. Angefangen hat alles mit schwarzen Schafen wie Tom Simpson, jenem ersten Dopingtoten, seit mindestens zehn Jahren ist flächendeckendes Doping an der Tagesordnung und die bisherigen Geständnisse und Ermittlungen sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder naiv oder hat keine Ahnung.

All das muss man vorausschicken, bevor wir den Blick auf die sportlichen Ergebnisse der Tour de France 2009 richten. Alberto Contador vom Astana-Team rollte in Gelb in Paris ein und gewann somit zum zweiten Mal das größte Radrennen der Welt. Den Grundstein für seinen Erfolg hatte Contador mit zwei Etappensiegen (einer in den Bergen, einer beim Einzelzeitfahren, wir kommen noch darauf zu sprechen) gelegt. Das Bergtrikot ging an Pelizotti, grün ersprintete sich wieder einmal Thor Hushovd (niemand weiß so genau, warum er und nicht Cavendish).

Ein ganz hervorragend aufgelegter Andy Schleck, der gleichzeitig das weiße Trikot des besten Jungprofis gewann, belegte in der Gesamtwertung Rang zwei, Lance Armstrong sicherte sich als Dritter noch einen Platz auf dem Podium, der Rückkehrer dürfte mit diesem Resultat aber kaum zufrieden sein. Immer dichter werden die Gerüchte, Armstrong wolle im nächsten Jahr mit seinem eigenen Rennstall an den Start gehen. Andreas Klöden kam als bester Deutscher auf Rang sechs.

Es war aus deutscher Sicht keine übermäßig erfolgreiche Tour, aber eine mit Höhepunkten. Dazu zählt neben Klödens guter Platzierung im Gesamtklassement der Etappensieg von Heinrich Haussler in den Vogesen. Tony Martin, bislang fast unbekannt, fuhr in der ersten Woche mehrere Tage lang in Weiß und verpasste am Mont Ventoux auf der vorletzten Etappe nur knapp den Tagessieg, nachdem er in den Berg stark an Boden verloren hatte. Sprintspezialist Gerald Ciolek erreichte in der Sprintwertung Platz drei.

Rückblende eins, zunächst zum Sieger Contador. Der fuhr eine absolut überragende Tour, insbesondere im Vergleich zu seinem Teamkollegen und härtestem Rivalen Lance Armstrong. Obwohl Armstrongs Leistung, nach drei Jahren Pause quasi aus dem Nichts bei der Großen Schleife auf Platz drei zu fahren, aller Ehren wert ist, zeigte ihm Contador ein ums andere Mal seine Grenzen auf. Ein Bild für die Götter, wie Contador am vergangenen Sonntag aus dem Sattel ging und sich zum ersten Etappensieg aufmachte, während Armstrong nur der entsetzte Blick blieb. Etwas absonderlich wirkte auf mich übrigens die Atmosphäre im bärenstarken Astana-Team, vor allem, als Armstrong vor der 20. Etappe ankündigte, es werde „am Berg Krieg geben“.

Rückblende zwei, Thema Doping. Dieses sonst im Radsport allgegenwärtige Gespenst wurde fast erfolgreich totgeschwiegen. Kein positiver Test, Begriffe wie Fuentes oder Blutdoping fallen nur hinter vorgehaltener Hand. Das Misstrauen aber bleibt. Sieger Contador stand bereits auf der mysteriösen Fuentes-Liste und seine Leistungen bei der Tour werfen bei allem Respekt auch eine Menge Fragen auf. Wie zum Beispiel wird jemand plötzlich neben einem Bergfahrer auch einer der besten Zeitfahrer im Feld? Wie hat Contador die 1900 Höhenmeter (Rekord in der Tourgeschichte) bei seinem ersten Etappensieg überwunden? Es ist schwer geworden, fast unmöglich, herausragende Leistungen im Radsport anzuerkennen.

Denn bisher erwies sich noch jeder Held des modernen Radsportzeitalters als Dopingsünder. Riis, Pantani, Zabel, Aldag, Bölts, Ullrich, Jaksche, Schumacher, Winokurow, Kohl, Landis und auch Armstrong – die Liste ist lang und die Dunkelziffer noch um einiges höher. Die Versuche, Vertrauen zu schaffen, haben Teams, Fahrer und Rennleitung scheinbar aufgegeben. Interviews zum Thema gibt es nicht, Andreas Klöden beispielsweise, der anscheinend Beziehungen zur Giftmischerei an der Universität Freiburg unterhielt, schweigt seit Monaten beharrlich. Die Großzügigkeit der Szene im Fall Armstrong, der seine sieben Toursiege wohl größtenteils illegal eingefahren hat und dennoch wohlwollend in die Herde der schwarzen Schafe aufgenommen wurde, spricht ebenfalls Bände.

Es ist schade, dass bei jedem Rennen auch der Zweifel an der Sauberkeit der Protagonisten mitfährt. Sicherlich gibt es unbescholtene Fahrer, doch die spielen nun einmal keine Rolle, solange gedopte Stars die Alpen hochfliegen und die Saubermänner gegen den Besenwagen kämpfen. Wie viel die Siege von heute wert sind, wird man vielleicht erst in einigen Jahren sagen können. Dann nämlich, wenn die Kontrollmethoden den Stand der gegenwärtigen Dopingtechniken erreicht haben, einige Jahre zu spät. Es ist ein langer und mühsamer Kampf und fast hat man den Eindruck, viele hätten ihn schon aufgegeben.

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