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Nur die Tiefe fehlt … Juni 10, 2009

Posted by Huge in Filmkritik.
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Die Zahl der warnenden Beispiele, dass Literaturverfilmungen meist in die Hose gehen, ist Legion. Illuminati ist eines der wenigen Gegenbeispiele: eine packende Mischung aus Action, Spannung und Mysterien. Dazu die Erkenntnis: Wir sollten uns alle mehr der bildenden Kunst zuwenden, falls wir mal den Vatikan retten sollen.

Bei Verfilmungen dieser Art fällt es dem belesenen Zuschauer, der auch die Romanvorlage kennt und schätzt, schwer dem Film unvoreingenommen entgegenzutreten und ihn als eigenständiges Werk ohne ständige Vergleiche zum Buch zu bewerten. Sollen Literaturverfilmungen eine Geschichte eins zu eins visualisieren oder eine eigene Form finden? Über dieser Frage scheiden sich ähnlich wie bei Theateraufführungen klassischer Stoffe die Geister. So werden auch meine Betrachtungen hier immer wieder auf den Roman von Dan Brown zurückgreifen, auch wenn eigentlich der FIlm im Vordergrund stehen soll.

Die Presse zumindest hatte größtenteils Abschätziges über den Film von  Ron Howard zu berichten. Die Süddeutsche Zeitung sprach von „Kino ohne Kopf“, die FAZ fragte, warum Leser solche Filme anschauen sollten und laut WELT entbehrt Illuminati jeder Originalität. Letzterer Umstand ist wie gesagt umstritten. Für mich aber hat die Illuminati-Verfilmung mehr gehalten als sie versprochen hat. Denn in einem ähnelt der Film dem Buch am meisten: er ist lang, sehr lang, aber er wird nicht nicht langweilig.

Mit dem Romanstoff wurde respektvoll, aber nicht ehrfürchtig umgegangen. Soll heißen: die meisten elementaren Bestandteile bleiben erhalten, bis auf einige Namensänderungen. Extravaganzen, mit denen Dan Brown in Illuminati wahrlich nicht sparsam umgegangen ist, wurden gestrichen, z.B. ist die Hubschrauberszene stark abgespeckt worden. Der Handlung tut das gut, denn ein solcher Film hat es bei all der Dramatik schwer, den Zuschauer auf dem Laufenden über die ständig wechselnden Entwicklungen zu halten. In Illuminati ist am Ende nicht mehr wie es in der Mitte, geschweige denn am Anfang war. Dan Brown, einer der größten zeitgenössischen Erzähler, gibt sich in seiner Geschichte nie mit einer Sensation zufrieden, es müssen Wunder geschehen. Und so wechselt der Hauptverdächtige mehrere Male, bis am Ende endlich Klarheit herrscht. Ewig dankbar wollen wir dem Regisseur hingegen dafür sein, dass er das letzte Kapitel mit der Liebesgeschichte gestrichen hat.

Einen Vorwurf muss man den Filmproduzenten aber machen: die fast schockierende Eindimensionalität der Charaktere. Brown entwirft natürlich keine komplexen Figuren, er will vor allem erzählen. Aber was der Film daraus macht, ist unverantwortlich. Der größte Fehler besteht m.E. darin, die Figur Maximilian Kohler(CERN-Chef) vollständig zu streichen, dadurch wird der gesamte Konflikt zwischen Kirche/Glaube und Wissenschaft etwas unklar. Auch der Assasine bleibt blass, ein profilloser, leiser Killer ohne Überzeugungen und Auftrag, der ein bisschen wie Michael Antwerpes aussieht. Dass der am Anfang getötete Wissenschaftler nicht Vittorias Vater ist, schadet ihrem Charakter, denn auch hier bleibt die Motivation etwas im Verborgenen.

Genauso enttäuscht die schauspielerische Umsetzung. Ich kenne mich mit Filmen nicht aus und habe erst zwei Filme (Forrest Gump, Terminal) mit Tom Hanks gesehen. Doch hat mir vor allem Forrest Gump gezeigt, wozu Hanks auf der Leinwand zu leisten fähig ist. In Illuminati tut Hanks nicht mehr als er muss: von Kapelle zu Kirche durch Rom rennen, Symbole angucken, Blut aus seinem Gesicht waschen und sich an seinem Tom-Hanks-Sein freuen. Am besten gefiel mir noch Ewan McGregor als Camerlengo.

Ein Wort noch zu Robert Langdon als fiktiver Robert Langdon. Als ich das Buch gelesen hatte, überkam mich der geheime Wunsch, Symbologe zu werden. Die Deutung und die Mystik dieser alten Zeichen hat etwas ungeheuer Faszinierendes, genauso wie Langdons schlafwandlerische Kenntnis der römischen Kirchen, Gemälde und Statuen. Ich sollte mich mehr mit bildender Kunst beschäftigen, vielleicht soll ich auch mal den Vatikan retten. Oder Hubschrauber fliegen. Hilft KMW da eigentlich? Aber noch einmal zu den Symbolen: die Schnitzeljagd ist ganz interessant, dem Professor „Rechtfertigung, Begründungen usw.“ möchten sich bei diesen induktiven Schlüssen aber die letzten Haare aufgestellt haben.

Dem Film fehlt also etwas Tiefe, was man diesem Medium aber vielleicht auch zugestehen muss. Im Grunde aber ist mit Illuminati ein Streifen gelungen, der die Spannung der Geschichte transportiert, ohne sie zu verstümmeln. Apropos verstümmeln: optisch ist der Film nicht so grausam wie viele meinen. Ausgeübte Gewalt gibt es bis auf ein paar Schusswechsel und die Verbrennung des Camerlengo kaum, die Bilder der getöteten Kardinäle sind aber natürlich schon krass. Also auch nicht für jeden gemacht. Das tut diesem nicht überragenden, aber dennoch gut anzuschauenden Film keinen Abbruch. Zu implizierten Themen wie Institution Kirche, Forschung, Glaube, wissenschaftliche Ethik vielleicht ein andermal. Aber eher nicht.

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