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Von “Ostwestfalens Gloria” zu Ostwestfalen Idioten … Mai 28, 2009

Posted by Huge in Fußball.
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Arminia Bielefeld ist abgestiegen. Jetzt, da man sich langsam damit abfindet, wird es im besten Markwort´schen Sinne Zeit, die Fakten auf den Tisch zu legen. Der Versuch einer Analyse mit abrechnenden Elementen.

Als Armine braucht man seit jeher eine positive Lebenseinstellung. Ich denke daran, wie ich mit Gleichgesinnten nach einem jämmerlichen 0:0 gegen Frankfurt dönerfressend am Bielefelder Bahnhof in meinem Trikot stand und ein vorbeigehender Mensch unseres Alters zu uns sagte: „Wenn wir absteigen, werden die Dauerkarten wieder billiger.“ Diese Art von Galgenhumor macht den Abstieg nur wenig erträglicher. Aber wenn man Letzter ist, klammert man sich an jeden Strohhalm.

Es sind viele Gedanken, die mit dem Abstieg zu tun haben und dem Fan seit Wochen durch den Kopf gehen. Ich will versuchen, einige mal geordnet aufzuschreiben. Fünf Jahre lang wurde auf der Alm zumindest dem Namen nach erstklassiger Fußball gespielt, jetzt fährt der Fahrstuhl wieder nach unten. Jedem Fan war klar, dass Arminia Bielefeld immer ein Klub sein würde, der permanent gegen den Abstieg kämpft und dass irgendwann der Moment kommen würde, in dem die Blauen diesen Kampf verlieren würden. Trotzdem ist eine Spurensuche nicht nur angebracht, sondern auch bitter nötig.

Die Bilanz der Saison 2008/09 ist verheerend: vier Siege, 16 Unentschieden, 14 Pleiten, Letzter. Mit 29 Toren die schlechteste Offensive der Liga. Der Mannschaft will man nicht direkt den Vorwurf machen, sie habe nicht bis zum Schluss gekämpft. Dennoch ist offensichtlich, dass das Team a) versagt hat und b) zu schwach aufgestellt war. Die sportliche Fehlersuche bedarf nicht vieler Expertisen: mit nur vier Siegen bleibt niemand erstklassig. Nur achtmal erzielte Arminia mehr als zwei Tore. Während die Hintermannschaft vor allem dank des überragenden Dennis Eilhoff noch halbwegs akzeptabel aussah, liegt genau in der Offensive das Problem.

Zu oft hat Arminia Bielefeld es verpasst, den Sack zuzumachen und die wichtigen Spiele zu gewinnen. An Möglichkeiten fehlte es meistens nicht, doch braucht jede Möglichkeit jemanden, der sie nutzt. Artur Wichniarek kommt immerhin auf 13 Saisontore. Solange er traf (bis zum 19. Spieltag), konnte man in Ostwestfalen noch ruhig schlafen. Dann aber: 13 Spiele ohne ein Tor von „König Artur“. Aus diesen 13 Spielen gab es genau sechs Punkte – letzlich entscheidend im Abstiegskampf. Der nächstbeste „Torjäger“ hat dreimal (Chris Katongo) getroffen. Arminia ist zu abhängig von einer Person und insgesamt zu dünn aufgestellt.

Es reicht eben nicht viermal zu gewinnen, darunter z.B. ein toller Auswärtssieg in Bremen, den größten Teil der Spiele aber abzuschenken. Arminia muss lernen, in der Breite zu glänzen und Konstanz zu zeigen. Erinnert sich noch jemand daran, wie wir am Anfang der Saison einmal kurz davor standen die Tabellenführung zu übernehmen? Auf diesen kleinen Prestigeerfolgen ruht man sich an der Melanchtonstraße zu lang aus.

Im Kreuzfeuer der Kritik steht nun der Vorstand. Zu spät haben Schwick, Kentsch und Dammeier die Zeichen der Zeit erkannt und gehandelt – auch, aber nicht nur in der Trainerfrage. Auch auf dem Transfermarkt wäre im Winter ein konsequenteres Handeln wünschenswert gewesen. Transfers sind bei der Arminia meist eine reine Glückssache, wenn quasi unbekannte Spieler aus Afrika oder Osteuropa geholt werden. Hoffnungsvolle junge Spieler aus Deutschland sind meist zu teuer. So bleiben dann nur ein Leonidas Kampantais oder Berat Sadik. Nicht umsonst suchen die Fans deshalb mehrheitlich die Schuld bei den Vereinsoberen.

Dass Schwick öffentlich auf Kentsch und vor allem auf Dammeier eindrischt, vermittelt nur einen umso plastischeren Eindruck des Chaos. Wenn für den Präsidenten die Dinge derart klar liegen, dass er sie in der Öffentlichkeit austragen muss, dann muss er sich auch fragen lassen, warum er nicht früher reagiert hat. Ich habe allen Respekt vor Herrn Schwick, der viel Zeit (soviel ich weiß ehrenamtlich) in die Arminia investiert hat. Aber in diesem Punkt hätte er sich durchaus diskreter verhalten müssen. Was aber nicht zwangsläufig heißt, dass seine Kritik in der Sache nicht berechtigt ist.

Selbstkritik sucht man derweil bei den betroffenen Herren vergeblich. Folgendes musste ich lesen: „Erstmals wurde der Stammtisch, der traditionell nach der Hin- und nach der Rückrunde stattfindet, nicht öffentlich ausgetragen. Grund dafür sei nicht die Kontaktscheue der DSC-Verantwortlichen [Kentsch und Dammeier]“ Nein? Was denn sonst? Die beiden wissen ganz genau, dass sie gnadenlos niedergemacht werden würden. Am Samstag verstanden 500 Ultras dieses „Niedermachen“ übrigens durchaus physisch. Vor allem im Fall Dammeier ist die Entwicklung tragisch, galt Dammi doch noch vor kurzem als absoluter Publikumsliebling.

Ein schwarzer Fleck auf der blau-weiß-schwarzen Arminia-Weste wird die Entlassung von Michael Frontzeck bleiben. Die Entlassung an sich lässt sich zweifellos nachvollziehen, ist ein solcher Schritt bei einer derartigen Erfolglosigkeit doch der naheliegendste und meist auch kurzfristig erfolgsversprechendste. Der Trainer stand schon länger in der Kritik wegen seines Systems, der defensiven Einstellung des Teams und der Einkaufspolitik. Das Problem liegt also in der Art und dem Zeitpunkt von Frontzecks Entlassung.

Denn was soll ein Trainerwechsel am 34. Spieltag bewirken? Wollte man tatsächlich etwas erreichen, hätte man sich viel früher von Frontzeck trennen müssen. So aber hätte der Vorstand Frontzeck auch das letzte Spiel noch bestreiten lassen können, es hätte wohl keinen großen Unterschied gemacht. Das vielzitierte „Zeichen“, das man offenbar mit einer solchen Aktion setzen will, ist verpufft. Für Jörg Berger war die Zeit ohnehin zu kurz, denn in fünf Tagen kann auch ein „Feuerwehrmann“ nichts bewirken.

Noch ein paar Worte zu den Fans. Arminia war nie ein Kultklub wie Dortmund oder Schalke, sondern wird wohl eher das Image einer grauen Maus behalten. Auch ist die Fankultur in Bielefeld meiner Meinung nach nicht besonders ausgeprägt. Die Unterstützung von den Rängen ist zwar da, aber nicht mit der Leidenschaft und in dem Umfang wie bei anderen Vereinen. Viele sind eben einfach zum Meckern da. Einen Graben zwischen Verein und Fans riss die neue Osttribüne auf, der die beliebten Stehplatzblöcke weichen mussten. Jetzt lassen sich auf der Osttribüne meist nur leere Plätze erblicken, eine Peinlichkeit für den Klub. Die Wut und Enttäuschung jedenfalls ist mit den Händen zu greifen und mit Sicherheit wird die Stimmung auf der Jahreshauptversammlung im Juni explosiv sein.

Für Zukunftsprognosen ist es noch zu früh. Erst muss sich zeigen, wer bleibt, welche Konsequenzen aus dem sportlichen Desaster gezogen werden. Was die Mannschaft angeht, rechne ich damit, dass viele ihr Glück woanders suchen werden. Bleiben werden wohl die wenigen Figuren, die zur Institution Arminia Bielefeld gehören: Eilhoff, Schuler, Rübe Kauf, Wichniarek. Vielleicht gelingt es, um diese Eckpfeiler ein Team mit jungen Spielern (Tesche z.B.) aufzubauen.

Die Trainerfrage harrt auch immer noch ihrer Lösung. Namen kursieren in Fülle: Von Rapolder bis Wück, von Sander bis Labbadia. Man wundert sich fast, dass Tommy von Heesen nicht wieder hoch im Kurs steht. Leicht wird die Lösung nicht. Denn die Frage ist ja nicht nur, wen der Verein will, sondern wer zu diesem Verein will. Arminia Bielefeld war noch nie eine 1a-Adresse, in Zweitligazeiten schon gar nicht. Abzuwarten bleibt zudem, was sich in der Vorstandsetage tut und ob die Herren dort auch mal die Konsequenzen ziehen.

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