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Dichter und Denker, Richter und Henker … April 24, 2009

Posted by Huge in Fernsehen.
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Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki (D 2009, ARD)

Deutsche Fernsehfilme erfreuen sich für gewöhnlich bei Publikum und Kritikern nur geringer Zuneigung. Doch selten wurde ein Film derart positiv aufgenommen wie die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“, die Das Erste ausstrahlte. Wagner (nicht Richard, sondern Franz Josef) schrieb, man gehe nach diesem Film anders schlafen, rede anders. Das ist gewohnt pathetisch ausgedrückt, doch auch ich will sagen: es ist ein guter Film. Ein sehr guter Film.

Der Film erzählt die ersten 38 Lebensjahre Reich-Ranickis. Als Marcel Reich kommt er im Alter von 9 Jahren aus Polen nach Deutschland, geht in Berlin zur Schule. Zum Studium wird er als polnischer Jude nicht zugelassen und 1938 aus Deutschland ausgewiesen. In Warschau lebt er mit seiner Familie zunächst im Ghetto, bis ihm kurz vor dem Abtransport ins KZ gemeinsam mit seiner Frau die Flucht gelingt. Bis zum Ende des Krieges müssen sie sich bei einem polnischen Ehepaar verstecken. Seine Eltern und sein Bruder werden von den Nazis ermordet.

Diese Geschichte also – und noch etwas mehr – erzählt der heute bekannteste deutsche Literaturkritiker im Verhör beim polnischen Geheimdienst Ende der 50er, mittlerweile unter dem Namen Marcel Ranicki. Die Hintergründe und wirklichen Ausmaße seiner Arbeit für den kommunistischen Geheimdienst sind bis heute ungeklärt und umstritten. Zwei Punkte stechen ganz besonders: die besondere Stellung als Jude („Du musst immer der Beste sein“) und die Faszination der Literatur.

Denn was Reich-Ranicki auch erlebt, eines bleibt: die Liebe zu den Büchern, zum Lesen. Der junge Reich-Ranicki liest, was immer er bekommen kann. Er ist begeistert von Literatur, zumal von deutscher. Erstaunlich, wie jemand, der sich gerade vor den Deutschen versteckt, in einem kalten Keller den Werther („Diese Frau war sein Schicksal“) erzählt oder Gedichte von Heine zitiert. Im Deportationszug liest er Balzac („sehr zäh“). Seine Hamlet-Erzählungen fesseln jeden und es ist eine Freude zu sehen, dass Träume auch zu Zeiten der schlimmsten Verbrechen der Menschheit nur auf Eis gelegt, aber nicht ausgelöscht werden können.

Auch schauspielerisch ist der Film hervorragend besetzt und realisiert. Besonders die Darstellung Matthias Schweighöfers als Reich-Ranicki muss sich vor keinem Tom Cruise dieser Welt verstecken. Schweighöfer spielt puristisch, verzichtet auf das rollende „R“ des Originals, um alles zu vermeiden, was an die unzähligen Parodien oder den schnarrenden alten Mann aus dem Literarischen Quartett erinnert. Nur die Musik im Mittelteil erinnert doch ein bisschen sehr oft an „Schindler´s List“.

Extrem beeindruckend ist der Schluss. Marcel Ranicki kehrt – gegen den Widerstand seiner Frau und seiner jüdischen Freunde – 1959 nach Westdeutschland zurück, in „das Land der Kultur“, wie ihm seine Mutter immer einschärfte. Zurück in das Land der Dichter und Denker, aber eben auch der Richter und Henker. Das Vertrauen in die Kultur, das Schöne in Deutschland bringt ihn zurück, verschafft ihm einen Job bei der FAZ und machte ihn schließlich zum „Literaturpapst“.

Wer diesen Film gesehen hat, der weiß, warum Marcel Reich-Ranicki ihn „fabelhaft“ nennt und entgegen seiner Gewohnheit kein schlechtes Wort darüber aus seinem Mund kommen lässt. Ganz unumstritten war Reich-Ranicki in Deutschland nie, in der Literaturszene schon gar nicht, man denke nur an Martin Walsers „Tod eines Kritikers“, quasi eine Mordfantasie in Romanform. Doch dieser Film hilft, zu verstehen, wie einer der größten deutschen Intellektuellen wurde, was er ist. Und er zeigt die Kraft des Buches. Aber die muss man schon selbst erleben.

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