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Irrwege einer Nation, Befremden inklusive … März 4, 2009

Posted by Huge in Theater.
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Die Hermannsschlacht – eine deutsche Betrachtung (nach C. D. Grabbe), Landestheater Detmold

JMS und ich besuchten heute Abend diese Aufführung. Leider gab man uns die schlechtesten Plätzen, wir konnten uns nicht bewegen und es war schrecklich eng. Egal. Hier im Lipperland ist der Hermann Kult. Da interessiert es wenig, dass die sagenumwobene Varusschlacht wohl doch nicht in dieser Gegend stattgefunden hat. Aber das Denkmal steht nun einmal hier – und mit welch sehnsuchtsvollem Blick sah man damals in diesen Mathe-Stunden hinüber zum berg, auf dem der Held das Schwert stolz Richtung Frankreich reckt. Da dachte man dann daran, vielleicht auf römischen Knochen seine Gleichungen zu lösen und wenn die Lehrkraft nicht schaute, sammelte man Ideen für das Hermann-Filmprojekt, das wie alle anderen Projekte jener Zeit im Sand verlaufen ist.

Nach regionalem Anstrich fahndet man in der Inszenierung am Landestheater Detmold, das im Varusjahr 2009 natürlich seiner kulturellen Verpflichtung nachzukommen sucht, aber vergeblich. Intendant Kay Metzger hatte höchstpersönlich die Regie übernommen und aus dem angeblich so nationalistischen Stück eine kategorische Absage an Vaterland und Nationalstolz gemacht. All das auf manchmal unterhaltsame, viel zu oft aber befremdliche Art und Weise.

Es ist ein wilder Ritt durch die deutsche Geschichte, der alles zusammenwirft, was er am Wegesrand findet. Der Beginn: unter Fliegeralarm rezitiert das Ensemble Erich Kästners Gedicht „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühen“ mit dem unheilsschweren Schlussvers „Du kennst es nicht / Du wirst es kennenlernen.“ Es folgt „Kein schöner Land“. Undsoweiterundsofort. Alles, was den deutschen Michel ausmacht, nimmt das Stück auf die Schippe: Volksmusik, die karikierte Schlafmützigkeit, Gartenzwerge und Schützenvereine. Selten mit Humor, aber dafür meistens mit erhobenem Zeigefinger und einem unhörbaren „Du darfst nicht …“.

Und so wird alles collagiert, was mit deutscher Geschichte und Identität zu tun hat – natürlich nur Negatives und Schändliches. Da wird frohgemut das Horst-Wessel-Lied gesungen und ein junger, überzeugter Nationalist meldet sich zum Frontdienst, um kurz danach den ehrenhaften und doch so jämmerlichen Tod auf dem Schlachtfeld zu sterben. Ständig werden diese Bruchstücke in den eigentlichen Stoff gemischt – die Hermannsschlacht. Die Geschichte ist schnell erzählt: Hermann lockt als Mitglied der römischen Truppen Varus und seine Legionen in einen Hinterhalt (im Hintergrund skandiert man „Wir sind das Volk“), wo sie von den germanischen Stämmen in drei Tagen und drei Nächten abgeschlachtet werden. Davon sieht man wenig, nur eine (im Wortsinn) Schlammschlacht zwischen Varus und Hermann, ein Rededuell, an dessen Ende sich Varus einen Eimer mit Schlamm über den Kopf stülpt, was wohl seinen Tod bedeuten soll. Die Nächte werden übrigens von einem Nummerngirl angezeigt und das ist einfach nur peinlich.

Hermann hat die Schlacht gewonnen, nun heißt es Platz machen für Adolf Hitler – seinen Nachfolger, wie das Stück es will. Wieder einmal wird zusammengemischt, was nicht zwangsläufig zusammen gehört. Hitler (den man auf dem Theater anscheinend in mindestens einer Szene lächerlich darstellen muss, sonst ist man wohl politisch unkorrekt) im Bademantel. Er spricht zu seiner Armee: ein paar Gartenzwerge in Hermann-Gestalt. In einer späteren Szene erweckt der Führer in Rattenfänger-Manier die gefallenen Soldaten des Dreißigjährigen Krieges und Ersten Weltkrieges. Natürlich gehört Hitler auch der Schluss mit einem seltsamen Monolog, an dessen Ende er verschwindet und sich erschießt.

Was also wollen uns Kay Metzger und Co. damit vermitteln? Hermann und Hitler gleichstellen? Es ist schrecklich, dass es anscheinend nicht möglich ist, eine Aufführung über eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte, gleichsam die Basis alles nachfolgenden Guten und Schlechten, zu produzieren, ohne dabei das leidige Thema Nationalsozialismus in den Vordergrund zu stellen. Niemand will dieses Thema totschweigen, wie öfter in dem Stück angedeutet, aber unstrittigerweise hat die deutsche Geschichte mehr hervorgebracht als größenwahnsinnige Diktatoren und pflichtbewusste Soldaten. Doch darüber verliert in der „Hermannsschlacht“ niemand ein Wort. Die Botschaft, die dieses Stück zwischen den Zeilen zu vermitteln versucht, ist mehr als fragwürdig.

Ein gesunder deutscher Patriotismus oder Nationalstolz wird in der „Hermannsschlacht“ von vornherein als verwerflich, schädlich abgetan. Dabei ist Deutschland mit ausgeglichenen Betrachtungen seiner Geschichte und seiner selbst nicht gerade gesegnet. Nationalität sei keine Qualität, nur eine Erwartung anderer.  Anscheinend gibt es auf dieser Welt nur eine Nation: die Menschen. Apropos Mensch: Bevor der Vorhang fällt, versammeln sich alle Darsteller auf der Bühne zu einer Grillparty und Hermann singt, in Pagenlivree und etwas schief, Herbert Grönemeyers „Mensch“. Soviel dazu.

So besteht dieses Stück neben dem Hermann-Stoff nur aus hitlergrußzeigenden SS-Männern und den Briefen von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ab und zu noch etwas mehr wie ein 68-er Gespräch oder ein Auszug aus dem RAF-Programm. Das ist mitunter ganz nett anzuschauen, doch eine Verbindung zwischen den einzelnen Szenen will sich meistens nicht einstellen. Da durfte mehr erwartet werden. Und so kam mir der Applaus am Ende auch eher als eine Höflichkeitsgeste, kurz und kühl, als wie eine begeisterte Anerkennung vor.

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